|

Von Spionen, Nikoläusen und Herrn Adenauer Harald Gröhlers Bericht über den Gründer des Bundesnachrichtendienstes, Reinhard Gehlen Eine Buchrezension von Marion Schneider, Köln. Die Leser, die Harald Gröhler über viele Jahre kennen und in seinem künstlerischen Schaffen begleitet haben, sind oft selbst erstaunt über die vielen Aktivitäten und Werke, mit denen der Poet, Literat, Literaturkritiker, Pressefotograf und Herausgeber an die Öffentlichkeit getreten ist, und für die er eine Unzahl von Preisen erhielt. Der engagierte Künstler ist vielen Lesern in allerbester Erinnerung, weil er mehr als 900 Lesungen, manche sprechen von mehr als 950, mit Schriftstellern organisierte, die meisten davon in der Reihe ,Literatur aktuell', und damit durch dreißig Jahre einen Gesamtüberblick über die deutsche Literatur geboten hat. Er hat sie alle in seine Veranstaltungen geholt, und, nicht zu vergessen, auch Exilautoren. Von seinen eigenen, realistischen und surrealen, ernsten und humorvollen, erlebten und traumhaften, recherchierten und erfundenen, Figuren, Stoffen und Werken seien hier nur einige erwähnt, so der Roman ,Rot', 1984; ,Die Ville. Ein Gedicht und seine Reise von 1956 bis 1996', mit guten Aquarell-Illustrationen von Ekkehard Drefke, 1996; die Novelle ,Tetzner', 1992; eine Novelle auf Goethe ,Ausfahrten mit der Chaise', 1999; die Theaterstücke ,Aussetzen der Maschine' und ,drive', 2001; Roman und/oder Biographie: ,Störtebeker. Volksheld und Pirat', Illustrator wieder Ekkehard Drefke, 2006. Der in Köln und Berlin lebende kritische Autor legte einen spannenden, skurrilen, satirischen und bissigen Band vor, über den Gründer des Bundesnachrichtendienstes, ,Ein Herr Gehlen ohne Foto'. Seine Tarnnamen, ,der Doktor' oder ,Dr. Schneider', hrte der Geheimdienstler von eigenen Gnaden ausnehmend gern, von den Leuten der Org., der Organisation. Da er aber nicht studiert hatte, konnte er auch keinen Doktorgrad erworben haben, der 1902 geborene, zur legendären Persönlichkeit beförderte, hoch stilisierte, eher unauffällige Mann mit der leisen Stimme. Zwei Fotos kursierten während seiner aktiven Zeit von ihm, auf dem einen, Gehlen mit Hut, aber unscharf, konnte man ihn nicht erkennen, das andere zeigte gar nicht ihn. Der übrigens nie entnazifizierte Gehlen war General der Wehrmacht, Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) des deutschen Generalstabs, damit auch Leiter der Ostspionage, bis 1945, nach dem Krieg Leiter der Organisation Gehlen sowie Gründer und erster Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND). Das war seine Karriere, wenn man davon absieht, dass er auch mal abgesetzt wurde, noch im April 1945, von Herrn Hitler persönlich, was er aber niemanden wissen lassen wollte. Auch nicht in seinem späteren tabellarischen Lebenslauf. Das war gerade die Zeit, in der die Amerikaner noch ,Onkel Stalin' sagten. Nach den Ergebnissen der Spionagetätigkeit von Herrn Gehlen taten sie das nicht mehr. Von Nikoläusen und Spionen Reinhard Gehlen lebte in Pullach mit seinen Mitarbeitern und deren Angehörigen wie in einer Großfamilie. Hierher waren sie gezogen, "samt Hunden, Ehefrauen, Kindern". Später musste er allerdings erleben, dass sein bester Mann, dem er lange Zeit vertraut hatte, ein Doppelagent war, der Herr Felfe, der Topspion, der beinahe eine Tochter von Gehlen geheiratet hätte, die älteste. Alle hatten Decknamen, mussten sich Codewörter merken, die Ehefrauen durften nicht in der Nähe, wo man sie kennen konnte, einkaufen, sondern weit entfernt. Glücklich, wer ein Fahrrad hatte. Sie durften sich nicht einmal grüßen, sondern mussten "auf der Dorfstraße achtlos aneinander vorbeigehen". Alles Spione, eben, in der Spionenbranche ist manches anders". Vermeintlich hoch brisante, aber völlig wertlose und falsche Informationen, wurden weitergegeben, damit nur ja niemand auf die Idee kam, damit nicht aufflog, dass jemand ein Spion oder Gegenspion sei. Vom Luxus ist die Rede, vom verhältnismäßigen, vom Chaletchen, vom Zweithaus in Bayern, dem Quelle-Fertighaus, von Dienstboten. Längst nicht für alle. Die Gehälter der normalen Spione waren eher schmal. Gut, man spielte Tennis oder Bridge. Oder tanzte miteinander. Ansonsten lebte die Großfamilie eher bescheiden, fast karg, die zweihundert Geheimen Gehlens und ihre Angehörigen. Am Nikolausfest wurde "sehr spionennahes Brauchtum" gepflegt, dann zeigten die Sprösslinge ihren Vätern, wer wem nicht mehr gewachsen war. Die Väter verkleideten sich als Nikolaus, um dann über die von den Kindern gespannten Seile zu stürzen und zwei Stunden später geschient und bandagiert nach Hause zu kommen. Nicht mehr als Nikoläuse, sondern wieder als Väter. Sozusagen enttarnt. Von Echnaton bis heute 15.661 Aufnahmen machte Gehlen selbst in seiner aktiven Geheimagentenkarriere. Nie war er unterwegs ohne eine 200 Watt helle Glühbirne, die er bei Bedarf einschrauben konnte, um alles zu fotografieren. Aber er ließ natürlich auch ablichten: "Truppenkarteien, Sonderkarteien, Akten, Berichte: interessanten Papierkram; Luftaufnahmen, Karten, Studien über Sollstärken der gerade siegenden Roten Armee, Angaben über feindliche Truppenführer vom Divisionskommandeur an aufwärts". Viel Licht benötigte er für seine Arbeit im Dunkeln. Es hat sich nichts geändert in der Welt. Bespitzelt wurde schon in der Antike; es ist alles beim Alten geblieben, vom ägyptischen Pharao Echnaton bis heute. Und überhaupt. Feinde überall. Gehlen selbst fühlte sich als Kämpfer "im Weltkommunismus". Von Charles de Gaulles ist die Rede, den Gehlen hasste, von Herrn Strauss, den er gar nicht mochte, weil er ihn mal "gegen einen Türstock gequetscht" hatte, von der "Straußin", die ungewöhnlich offen über ihr zu enges Kleid klagt. Bis sie entdeckt, dass sie es vollkommen falsch anhat. Von Mischa Wolf ist die Rede, der eigentlich Markus hieß. Der leitete 34 Jahre lang die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). Tausende von Spionen schleuste der Geheimdienstchef der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Sehr zum Leidwesen des Herrn Doktor. Und von dem deutschen Bundeskanzler Professor Doktor Ludwig Erhard ist die Rede, dem mit der Havanna, den Gehlen illegal bespitzeln ließ. Aus Rache. Im Rhöndorfer Musikzimmer Was hätte Konrad Adenauer darum gegeben, wenn er den persönlichen Kontakt zu Reinhard Gehlen hätte leugnen können. Den, der bereits ein Jahr, bevor Herr Adenauer seine Regierung bildete, stattfand. Im Haus des ,Bastlers', innerhalb ,längsgefältelter Stoffwände', in Rhöndorf, bei der "kleinen Stadt Bonn". Adenauer, der Rosenliebhaber, nicht der Rosenzüchter, wie Herr Gehlen meinte, herausgefunden zu haben, und das Aufgedeckte eben publik machte. Eigentlich war es nur "eine Einladung zur Kaffeestunde", aber sie hatte viele Folgen. Ich habe da eine interessante Aufgabe zu vergeben! Seine unterschiedlichen Quellen? Über Jahre gesammelte Zeitungsartikel, Ergebnisse akribischer Recherchen, viele Gespräche und drei persönliche Begegnungen mit Reinhard Gehlen selbst, der Harald Gröhler bei einem Treffen zur Mitarbeit gewinnen wollte. Gehlen hatte Gröhlers Mutter in früheren Jahren drei Heiratsanträge gemacht. Dreimal erfolglos. Und nun lehnte deren Sohn das ihm in Aussicht gestellte, lukrative Angebot ab, als Psychologe, wenn er denn demnächst sein Psychologiestudium beenden würde, tätig zu sein für die Mitarbeiter Gehlens, die eine solche Betreuung wohl nötig hatten. Der aber will partout kein Geheimnisträger werden, sondern Autor. Zum Schluss bekommt Gröhler noch einen gut gemeinten Rat des "formvollendeten Präsidenten" des BND mit auf den Weg: Also, von solchen Verlagen wie dem Rowohlt-Verlag, da solle er sich doch bitte fern halten. Die waren dem Herrn Dr. Schneider wohl zu links. Mit dem Vergrößerungsglas gesehen Über einen Zeitraum von achtzehn Jahren hat Gröhler sorgfältig recherchiert, analysiert, abgewogen, überprüft, seine Zwischenergebnisse ruhen lassen, sie nach der Arbeit an anderen Stoffen wieder hervorgeholt, erneut überprüft, fortfabuliert. Pullach hat er besucht und sich da umgeschaut, er blieb dabei vor dem "äußeren Zäunchen", versteht sich, hat die Atmosphäre auf sich wirken lassen, alle Eindrücke und Resultate zusammengefügt aus der immensen Informationsfülle. Hat gekürzt und gekürzt. Bis ein sehr informativer, hoch konzentrierter Bericht übrig blieb, der viel von dem Klima der Nachkriegsjahre, der Fünfziger und Sechziger Jahre, des Kalten Krieges, der kleinbürgerlichen Atmosphäre, bis hin zu Reinhard Gehlens Ausscheiden im Jahre 1968, übrigens im Alter von 66 Jahren, früher war er nicht bereit, zu gehen, eingefangen hat. Gegen alle gut gemeinten Ratschläge der Verlage hat Gröhler kein Sachbuch geschrieben, sondern einen Bericht, der in Teilen romanhafte Züge trägt, besonders dann, wenn er sich der Wahrheit mit Hilfe der Phantasie nähert. Diese ertragreiche Arbeitsweise kennt der Leser schon aus anderen Büchern des Autors, zuletzt in ebenso gekonnter Weise aus dem biographischen Roman ,Störtebeker'. Mitunter hat der Leser den Eindruck, da wird ein Vergrößerungsglas umgedreht, die Figuren werden geschrumpft, verkleinert, in einer gewissen Bedeutungslosigkeit gezeigt. Sie entlarven sich praktisch selbst in einem irren, zwangsneurotischen Tun, hervorgebracht durch den Kalten Krieg und das psychische Klima der Spionagetätigkeit. An anderer Stelle wird das Glas wieder gedreht, die Figuren zeigen sich aufgebläht, überschätzt, aber ungeheuer gefährlich, für die Betroffenen. Denn der unauffällige Gehlen, klein und zierlich von Gestalt, ein Meter zweiundsiebzig, geheimnisumwittert, schillernd, hat schon, als das Ende des Krieges abzusehen war, sehr bewusst weitere berufliche Schritte geplant: "Eine neue Karriere müssen wir uns aufbauen." Dazu gehörte es zunächst, vor den Amerikanern zu "antichambrieren", als er in seinem Versteck in den Alpen entdeckt wurde und dann, als er "im Großraum Washington zappelte". Denn Gehlen wollte schließlich von ihnen finanziert werden. Dafür wollte er ihnen das komplette Lagebild der sowjetischen Streitkräfte und eine Personalkartei der Sowjetarmee" als Morgengabe mitbringen. Gehlen, der es "mit seiner Ausforscherei zu etwas gebracht hatte", beeinflusste später mit oft überzeichneten Ergebnissen seiner Arbeit sowohl die Außenpolitik der USA als auch die Politik Adenauers. Das Buch ist nicht nur ein reines Vergnügen, weil es so gut ist, inhaltlich, auch in der Darstellung der Figuren und Konflikte, sondern, weil es einen Sprachstil hat, der einfach nur Freude macht. Langsam sollte man das Buch lesen, Zeit einbauen, um die Sätze nochmals lesen zu können, Zeit einplanen, um Erkenntnisse zu gewinnen, um zu staunen, um zu schmunzeln. Neue Pläne Was ist als Nächstes zu erwarten von dem unermüdlichen Autor? Wie immer hat er mehrere Stoffe im Visier und in Arbeit. Da ist zunächst einmal ein Erzählungsband. Mit 16 Geschichten. Der soll noch bis zur Buchmesse 2008 erscheinen. Das zweite Projekt ist eine Erzählung, die in einer Anthologie erscheinen wird. Der bearbeitete Zeitraum wird ähnlich sein wie bei dem Gehlen-Projekt. Und dann arbeitet Harald Gröhler an einem neuen Roman. Es sind zwei romanlange Texte", geschildert aus der Perspektive eines Erzählers. Zwei Texte, die Parallelen aufweisen, neue und andere Figuren im zweiten Text, die dann doch die alten sind. Vielleicht. Aussagen in den Textteilen, die sich "gegenseitig aushebeln". Es ist ein Roman über seine Mutter und ihr Leben. Und eine weitere, eingeführte, erfundene Figur. Und natürlich über die bundesdeutsche Gesellschaft. Bis zum Jahr 1947. Teils fiktiv, teils autobiographisch. Man muss davon ausgehen, dass die Leser sich schon jetzt auf die Texte und den neuen Roman freuen können. Rezensiert von Marion Schneider, Köln Marion Schneider ist eine kölner Autorin & Lektorin. Sie studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln und arbeitete als Gymnasiallehrerin und an der Universitätsbibliothek Köln. Außerdem war sie als Journalistin und in der Erwachsenenbildung tätig und als Dozentin für die Fachsprache Wirtschaft. Sie war Leiterin einer Sprachenschule und eines Groß-Kundenvertriebs.
|